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Für die Orthopädie

Was zwischen Biss und Becken belegt ist – und was nicht

Über kaum ein Thema wird zwischen Zahnmedizin und Orthopädie mehr behauptet als über dieses. Wir haben die Kette in ihre beiden Glieder zerlegt und jedes einzeln geprüft. Was dabei herauskommt, ist weniger, als in der Werbung steht – und mehr, als die Skepsis erwartet.

Diese Patientinnen und Patienten kennen Sie

Wiederkehrende Nacken- und Schultergürtelbeschwerden ohne strukturelles Korrelat. Schiefstände, die sich korrigieren lassen und zurückkommen. Jugendliche mit Haltungsauffälligkeiten im Wachstum. Und nebenbei, oft erst auf Nachfrage: Knirschen, Kiefergelenkgeräusche, Druck vor dem Ohr.

Der Zusammenhang

Die Kette hat zwei Glieder. Beide sind belegt.

Glied A — Bisslage und Kopfhaltung

Eine Meta-Analyse über sechs Studien mit 505 Teilnehmenden findet die Zuordnung in beide Richtungen: Klasse II geht mit vermehrter Kopfstreckung und Vorhaltung einher, Klasse III mit gestreckterer Halswirbelsäule und weiter hinten stehendem Kopf. Grössenordnung 1,3 bis 2,9 Grad (NL/VER +1,27°; OPT/CVT +2,94° für Klasse II; NL/VER −2,67° für Klasse III).

Der anatomische Weg ist benannt und nicht strittig: supra- und infrahyoidale Muskulatur, Platysma und dorsale Nackenstrecker verbinden Unterkiefer und Halswirbelsäule; Kopfstreckung übt über gedehnte Weichteile eine dorsal-kaudale Kraft auf den Unterkiefer aus.

Die Gegenrichtung ist sogar besser belegt: Die Kopfhaltung verändert die okklusalen Kontakte messbar – im Sitzen anders als im Liegen. Für unsere eigene Arbeit heisst das, dass eine Bissregistrierung ohne kontrollierte Kopfhaltung eine andere Okklusion aufzeichnet als die, in der der Mensch lebt.

Glied B — Kopfhaltung und Körperhaltung

Hier ist die Datenlage besser als bei Glied A, weil sie nicht aus der Zahnmedizin stammt, sondern aus der Wirbelsäulenchirurgie: Die stehende sagittale Ausrichtung ist eine durchgehende Kette vom Kopf bis zum Fuss, bezogen auf die Schwerelinie.

Entscheidend ist aber, wie diese Kette arbeitet. Sie ist ein Ausgleichssystem, kein Weiterleitungssystem. Nimmt die Lendenlordose ab, steuert das Becken gegen – Korrelation r = −0,72 bis −0,80. Beim Altern kippt der Rumpf nach vorn und wird durch vermehrte Halslordose, Beckenkippung und Knieflexion ausgeglichen. Der Zweck ist in der Literatur ausdrücklich benannt: den waagerechten Blick halten.

Und deshalb kommt unten wenig an

Aus zwei belegten Gliedern folgt logisch, dass Kiefersystem und Körperhaltung in Beziehung stehen. Es folgt nicht, dass sich über den Biss die Körperhaltung verändern lässt. Zwei kleine Effekte hintereinander ergeben einen kleineren – und wenn das mittlere Glied ausdrücklich dafür gebaut ist, Abweichungen auszugleichen, kommt am Ende der Kette messbar nichts mehr an.

Eine prospektive Studie hat genau das geprüft: 24 CMD-Patientinnen und -Patienten, Michigan-Schiene, drei Monate, 3D-Körperscan vorher und nachher. Kopfvorhalte und Schulterrundung veränderten sich. Brustkyphose, Lendenlordose, Beckenkippung und Kniestellung im Stand nicht. Der Wortlaut der Autoren: „The influence of occlusal splints on global posture is limited and only small effects on cervicocranial parameters were found."

Was wir daraus für uns ableiten: Wir behandeln das oberste Glied der Kette und messen, was dort geschieht. Haltung und Statik erfassen wir, um zu sehen, was dort ankommt – nicht, um sie über den Biss zu richten. Wer Ihnen das verspricht, hat die Studien nicht gelesen oder verschweigt sie.

Indikation

Wann eine Zuweisung etwas bringt

Zuerst und ohne Ausnahme: Red Flags und unklarer Befund gehören in die fachärztliche Abklärung, vor jede Funktionsdiagnostik. Die CMD-Sicht ist ergänzend, nicht ersetzend. Wir stellen keine Ihrer Diagnosen in Frage.

Sinnvoll

  • rasch rezidivierende HWS- und Schultergürtelbeschwerden mit Kieferzeichen (Knacken, Bruxismus, Druck vor dem Ohr)
  • Persistenz über drei Monate trotz leitliniengerechter Erstlinie
  • therapieresistente Spannungskopfschmerzen mit Kieferbeteiligung
  • vor grösserer zahnärztlicher Rekonstruktion bei bekannter Haltungsproblematik – zur funktionellen Standortbestimmung

Nicht sinnvoll

  • strukturelle Skoliose mit der Erwartung, sie über den Biss zu beeinflussen – dafür gibt es keine Grundlage
  • Beinlängendifferenz oder Beckenschiefstand als alleinige Fragestellung
  • akute Beschwerden vor abgeschlossener orthopädischer Abklärung

Messgrössen, auf die wir uns beziehen und die wir nicht umdeuten: Skoliose ab Cobb-Winkel ≥ 10° mit Wirbelrotation; klinisch relevante Beinlängendifferenz ab 10 mm; gesunde Links-rechts-Gewichtsverteilung im Stand zwischen 48,5 und 51,5 %.

Wie weiter

Drei Wege – Sie wählen

Ich will es genauer wissen

Die Quellen im Volltext, unsere Messprotokolle und das klinische Erklärungsmodell mit offengelegter Evidenzstufe.

Ich habe eine Frage zu einem Fall

Rückruf durch den CMD-Spezialisten, nicht durch die Rezeption.

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Ich möchte zuweisen

Telefonisch, per Mail oder per Brief – wie es Ihnen passt. Der Befundbericht kommt zu Ihnen zurück.

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